Kurzbein
Ein “Kurzbein” nennt mich der junge Mann in der blauen Badehose! Ich überlege, ob ich ihn in einem unbeobachteten Moment ins Wasser stoßen soll, nehme von diesem Gedanken aber schnell wieder Abstand. Ich arbeite seit elf Jahren als Bademeister, aber mich als “Kurzbein” zu bezeichnen, das hat noch niemand gewagt.
In meiner Arbeit haben sich heute zwei Kollegen krank gemeldet, ich muss mit einem anderen Kollegen auch die Arbeit der beiden anderen übernehmen. Es sind exakt dieselben Schwimmbecken, aber das Freibad selbst ist an einem anderen Ort, der mir an dieser Stelle unbekannt ist.
Ankunft
Autobus Nummer 40 fährt am Bahnhofsvorplatz ein und hält 47 Zentimeter entfernt von der Gehsteigrandkante. Ein Mann mit schwarzem Vollbart drückt ein paar Mal aufgeregt auf den Türtaster, springt im Moment aus dem Bus heraus, in dem die Tür sich weit genug geöffnet hat. Er stolpert beinahe, weil er den Spalt nicht beachtet und hastet. Etwas seitlich und dahinter ein zweiter Mann mit kräftigerem Körperbau und Kopfhörern. Er fixiert den Spalt, setzt einen Schritt darüber, richtet seine Kopfhörer ein. Die Ausgestiegenen werden am Bahnhofseingang komprimiert und schieben ihre Körper dichter gedrängt in die Halle.
I. Dystopie
Lucia zieht ihre Augenlider zusammen, streicht mit beiden kleinen Fingern am Gehäuse des Laptops entlang und zieht ihren Oberkörper dabei hoch und zurück in die Lehne.
“Bis in die 1920er Jahre hinein war es in den Vereinigten Staaten üblich, leicht zu frühstücken. Kaffee, einfaches Gebäck, vielleicht Obst.” Sie spannt ihren Handballen auf dem Einband links neben dem Computer, streicht mit den Fingern Seiten des zugeklappten Buches ab.
“Propaganda”
Die Studentin, Lucia, zündet sich eine Zigarette an, sie sitzt in einem durch eine Glaswand abgetrennten Raum.
1.
Die Postbotin nickt vertraut und schmeißt vom ersten Tag an an mich adressierte Briefe in das Postfach. Dabei steht an der Tür selbst und auch auf dem Fach noch der Name der Vorbesitzerin meiner neuen Wohnung. Aber die Verwirrung ist besser als Briefe, die nicht ankommen. Ärgerlicher erscheint mir ohnehin, dass sie mir den Einschreiber nicht übergibt, sondern den gelben Zettel im Fach hinterlegt. Vielleicht ist sie auch überarbeitet: Die Briefträgerin hat meinen Namen und Adresse auch in die Absenderzeile eingetragen. In so einem Zustand sind die fünf zusätzlichen Schritte bis zu meiner Tür ihr nicht zuzumuten. Ich werde mich morgen auf das Fahrrad schwingen und den Brief vom Postamt abholen. Ich wette mit mir selbst, die beste Quote besitzt die Annahme, dass es ein Strafzettel für schnelles Fahren sein wird.
In der Bahnhofshalle blicken Individuen innerhalb einer eigenartig angeordneten Menschentraube auf die große Anzeigetafel. Viele Züge scheinen pünktlich anzukommen und abzufahren, die Schienenersatzverkehrsanzeigen verursachen nur bei einer kleineren Anzahl von Nahverkehrspendlern Unmut. Unübersichtlich braust ein Menschenstrom von der großen Halle zu den Bahnsteigen.
Plum, plum, plum…
Plum, plum, plum… Wiederholung singulärer Klavieranschläge, dann setzt sanft die Geige ein. Die Stimmen verschwinden, zärtlich verziert Arvo Pärt mit Spiegel im Spiegel das Gehirn. Am frühen Abend streiten sich hier geröstete Zwiebel mit angebranntem Gebäck um die Geruchshoheit. Bäckereien reihen sich neben Imbissbuden, von unwiderstehlichen Verführungen kann keine Rede sein. Dort ein Mann mit Bart! Er lehnt nur an der Mauer, aber wenn er eine Waffe zückt, werden sich Leute schnell genug hinter Mistkübeln verstecken können? Blbosť! Die Nachrichtenskizzen in Zeitungen haben mit Bahnhofsrealitäten nichts zu tun.