I. Dystopie


Lucia zieht ihre Augenlider zusammen, streicht mit beiden kleinen Fingern am Gehäuse des Laptops entlang und zieht ihren Oberkörper dabei hoch und zurück in die Lehne.
“Bis in die 1920er Jahre hinein war es in den Vereinigten Staaten üblich, leicht zu frühstücken. Kaffee, einfaches Gebäck, vielleicht Obst.” Sie spannt ihren Handballen auf dem Einband links neben dem Computer, streicht mit den Fingern Seiten des zugeklappten Buches ab.
“Propaganda”
Die Studentin, Lucia, zündet sich eine Zigarette an, sie sitzt in einem durch eine Glaswand abgetrennten Raum.

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1.
Die Postbotin nickt vertraut und schmeißt vom ersten Tag an an mich adressierte Briefe in das Postfach. Dabei steht an der Tür selbst und auch auf dem Fach noch der Name der Vorbesitzerin meiner neuen Wohnung. Aber die Verwirrung ist besser als Briefe, die nicht ankommen. Ärgerlicher erscheint mir ohnehin, dass sie mir den Einschreiber nicht übergibt, sondern den gelben Zettel im Fach hinterlegt. Vielleicht ist sie auch überarbeitet: Die Briefträgerin hat meinen Namen und Adresse auch in die Absenderzeile eingetragen. In so einem Zustand sind die fünf zusätzlichen Schritte bis zu meiner Tür ihr nicht zuzumuten. Ich werde mich morgen auf das Fahrrad schwingen und den Brief vom Postamt abholen. Ich wette mit mir selbst, die beste Quote besitzt die Annahme, dass es ein Strafzettel für schnelles Fahren sein wird.

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In der Bahnhofshalle blicken Individuen innerhalb einer eigenartig angeordneten Menschentraube auf die große Anzeigetafel. Viele Züge scheinen pünktlich anzukommen und abzufahren, die Schienenersatzverkehrsanzeigen verursachen nur bei einer kleineren Anzahl von Nahverkehrspendlern Unmut. Unübersichtlich braust ein Menschenstrom von der großen Halle zu den Bahnsteigen.
Plum, plum, plum…
Plum, plum, plum… Wiederholung singulärer Klavieranschläge, dann setzt sanft die Geige ein. Die Stimmen verschwinden, zärtlich verziert Arvo Pärt mit Spiegel im Spiegel das Gehirn. Am frühen Abend streiten sich hier geröstete Zwiebel mit angebranntem Gebäck um die Geruchshoheit. Bäckereien reihen sich neben Imbissbuden, von unwiderstehlichen Verführungen kann keine Rede sein. Dort ein Mann mit Bart! Er lehnt nur an der Mauer, aber wenn er eine Waffe zückt, werden sich Leute schnell genug hinter Mistkübeln verstecken können? Blbosť! Die Nachrichtenskizzen in Zeitungen haben mit Bahnhofsrealitäten nichts zu tun.

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1.
“Hände wafchen nicht vergeffen”. In der Klasse über der Handwaschmuschel ist diese Tafel gehangen. Die ersten beiden Jahre seiner Schulzeit verbringt er in diesem Raum. Im ersten lernt er lesen, im zweiten Schuljahr verwundert ihn der altbackene Hinweis in Kurrentbuchstaben. Warum steht dieses komische f wo eigentlich ein s stehen muss? Er versucht f-c-h phonetisch auszusprechen. Wafchen mit Waffeln gleichzusetzen kann er nicht, schlicht, er kennt nur Semmeln, Brotwecken, Brezeln, Kuchen, Kekse. Die dauerfeuchte, von zig Händen täglich benutzte Handseife schwimmt in einer Wasserlacke neben dem Kaltwasserhahn. Was bleibt, außer zu vergeffen?

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70 Zentimeter vor seinem Gesicht steht ein eigenartiges klappriges Gestell mit Klopapier. 7 Blatt sind abgerollt, nicht von Lukas. Der drückt seine Unterarme gegen die nackten Oberschenkel und wippt mit dem Oberkörper vor und zurück. Nicht um sich zu erleichtern, er erinnert sich. Graubraun steht hinter seinem Rücken erhöht auf einer Ablage über dem Spülkasten noch ungebleichtes Klopapier. Vor 476 Tagen hat er eine Vorratspackung mit 20 Rollen gekauft, 8 Millimeter dick hüllt sich noch Papier um die Kartonrolle.

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