1.
“Hände wafchen nicht vergeffen”. In der Klasse über der Handwaschmuschel ist diese Tafel gehangen. Die ersten beiden Jahre seiner Schulzeit verbringt er in diesem Raum. Im ersten lernt er lesen, im zweiten Schuljahr verwundert ihn der altbackene Hinweis in Kurrentbuchstaben. Warum steht dieses komische f wo eigentlich ein s stehen muss? Er versucht f-c-h phonetisch auszusprechen. Wafchen mit Waffeln gleichzusetzen kann er nicht, schlicht, er kennt nur Semmeln, Brotwecken, Brezeln, Kuchen, Kekse. Die dauerfeuchte, von zig Händen täglich benutzte Handseife schwimmt in einer Wasserlacke neben dem Kaltwasserhahn. Was bleibt, außer zu vergeffen?
2.
Später, in den frühen 2020ern fällt ihm dieses Schild wieder ein. Die Handseife nutzt er nur selbst, dennoch schwimmt sie in einer schmierigen Wasserlacke neben dem Kaltwasserhahn. Er wäscht seine Hände jetzt nach dem Einkauf. Überall wafchen alle die Hände.Aber auch nach der Arbeit, er kann nicht vergeffen. Immer wenn das letzte Mal sein rechter Ringfinger den Punkt nach dem letzten Satz setzt und er zusätzlich noch mit dem Daumen die Leertaste aus Gewohnheit drückt… wäscht er sich die Hände. Niemand sonst streift über seine Tastatur. In der Marketingabteilung klatscht ein verbliebener Mitarbeiter. Zu spät. Der Autor erkennt früher. Mit drei Wörtern gefüttert, erarbeitet eine Maschine einen dreißig Seiten langen Text. Nach vier Sätzen will niemand mehr lesen, geglättete Texte zum vergeffen.
3.
Er denkt daran, seinen Laptop aus dem dritten Stock auf die Gasse zu werfen. Hilft es? Die Arbeit, die seine ersetzt, passiert nicht in der Maschine vor ihm. Die Frage, ob es ein größeres Verbrechen ist, eine Serverfarm zu sprengen oder zu besitzen? Ewig surren die Ventilatoren.
“Erhabene Riesenmägen, was ist aus euch geworden? Erhabene Geister, die ihr das ganze menschliche Denken umfasstet, wo seid ihr hin? Wir sind durch und durch verzwergt und entartet.” 1
Merry England?
Punkt. Leertaste.Vergessen!
Hände waschen mit geruchloser Einmalseife.
1 Paul Lafargue, Recht auf Faulheit, 1880; Original: Le droit à la paresse