1.
Die Postbotin nickt vertraut und schmeißt vom ersten Tag an an mich adressierte Briefe in das Postfach. Dabei steht an der Tür selbst und auch auf dem Fach noch der Name der Vorbesitzerin meiner neuen Wohnung. Aber die Verwirrung ist besser als Briefe, die nicht ankommen. Ärgerlicher erscheint mir ohnehin, dass sie mir den Einschreiber nicht übergibt, sondern den gelben Zettel im Fach hinterlegt. Vielleicht ist sie auch überarbeitet: Die Briefträgerin hat meinen Namen und Adresse auch in die Absenderzeile eingetragen. In so einem Zustand sind die fünf zusätzlichen Schritte bis zu meiner Tür ihr nicht zuzumuten. Ich werde mich morgen auf das Fahrrad schwingen und den Brief vom Postamt abholen. Ich wette mit mir selbst, die beste Quote besitzt die Annahme, dass es ein Strafzettel für schnelles Fahren sein wird.
2.
“Heute war es zu viel Regen, aber in den nächsten Jahren wirst du es lieben, Wege mit dem Fahrrad zu erledigen!”
Ich verachte diese Klaue, der handschriftlich verfasste Brief ist hingeschmiert wie von einem Hahn am Mist. Ich erkenne mein eigenes Schriftbild. Die eigenartigen zweimillimetrigen Abstände nach den Kleinbuchstaben d und b nerven.
“Leg den Brief noch einmal weg und schenke dir Kaffee ein. Er wird viereinhalb Sekunden fertig im Kocher sprudeln.”
Eins, zwei, drei, vier plus…
Der fertige Kaffee sprudelt und krächzt am Gasherd.
Nach dem Kaffee entschließe ich mich, den Brief für heute zur Seite zu legen und mir trotz der frühen Stunde im Gasthaus auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse 0,65 Promille Alkohol im Blut zu kaufen.
3.
Hätte ich doch lieber den Schreibtisch sortiert anstatt den Brief zu lesen!
“Du wirst angekommen sein.”
Von Türen ist die Rede… Ich gehe zum Fenster und zähle drei gelbe Autos. Dieses pathetische Bild, ich verstehe es. Schreibe ich mir selbst so? Ich kritzle am Seitenrand des Briefes: “Unleserliches Schriftbild!”, streiche es durch. Mit Blockbuchstaben hingehackt kann ich die Notiz selbst lesen.
“Der Brimsen in deinem Kühlschrank wird nicht getaugt haben. Gehe auf den Markt in der Nähe, dort kannst du welchen aus dem Holzfass kaufen.”
Ich lege den Brief ab und zähle von 500 in Achterschritten rückwärts, um danach den Fernseher zu entstauben.
4.
Es klopft an der Tür. Ich drehe mich zur Seite, stehe auf, gehe sieben Schritte zur Tür, öffne.
“Fiha, dakujem!”
Die Postbotin ist mir fünf Schritte entgegen gekommen. Sie zeigt ratlose Mimik, dreht ihre Handflächen fragend nach außen. Technisch muss dieser Brief immer hier ankommen. “Podpis, prosim!”
Ich starre zwei Minuten auf den Umschlag, setze mich auf die Couch. Augen zu und durch, ich öffne ihn. “Vitaj!…”
Der Raumdiffuser sorgt weiterhin für seifigen Geruch.
Jetzt habe ich Platz an diesem Ort. Bryndzové halušky schmecken nur frisch und selbst gekocht. Ich bestelle Pizza.