Die Genauigkeit der Irrtümer

Kurzbein
Ein “Kurzbein” nennt mich der junge Mann in der blauen Badehose! Ich überlege, ob ich ihn in einem unbeobachteten Moment ins Wasser stoßen soll, nehme von diesem Gedanken aber schnell wieder Abstand. Ich arbeite seit elf Jahren als Bademeister, aber mich als “Kurzbein” zu bezeichnen, das hat noch niemand gewagt. 
In meiner Arbeit haben sich heute zwei Kollegen krank gemeldet, ich muss mit einem anderen Kollegen auch die Arbeit der beiden anderen übernehmen. Es sind exakt dieselben Schwimmbecken, aber das Freibad selbst ist an einem anderen Ort, der mir an dieser Stelle unbekannt ist. 

Ich sitze am Bademeisterstuhl neben dem Becken, da kommt von der Kantine herüber eine ganze Gruppe von Leuten auf mich zu. Sie weisen sich als Arbeitsinspektion aus. Sie beginnen mich zu interviewen, ich behalte dabei weiter das Schwimmbecken im Auge. Ich bleibe konzentriert. Eine junge Inspektorin mit kräftigen langen schwarzen Haaren und auffallenden Lippen setzt sich coram publico auf meinen Schoß. Die ganze Gruppe… es sind alles Frauen. Eine fragt mich, ob wir zusammen seien. Die Frau auf meinen Schoß antwortet, dass die Situation für sie angenehm sei. Ich frage sie, warum sie mich küsst.
“Ich fühle, dass ich dasselbe bin wie du.”
Ich kann den Satz nicht einordnen. Die Arbeitsinspektion beschließt, in die Mittagspause zu gehen. In einem nahe gelegenen Supermarkt möchte ich mir eine Jause kaufen, dafür habe ich das Bad verlassen.
Jetzt erkenne ich: Ich bin nicht in Österreich, wo ich arbeite. Sondern zuhause in Bratislava, Ecke Račianska/Pionierska. Funktionsgebäude in diesem Stadtteil sind vertauscht. Ich träume.
Mir fällt mein Kollege ein. Ein Dienst ohne Unterstützung im Freibad… Dieser Gedanke lässt den Traum abrupt abbrechen.

1201 Grad Celsius
Die Einrichtungsgegenstände im Wohnzimmer einer bekannten Radiomoderatorin erinnern mich an meine Großmutter. Ich erkenne die Journalistin gertenschlank, in Wirklichkeit ist sie etwas korpulenter. Wir sprechen nicht über Literatur, während sie mir hundertvierundzwanzig Zentimeter am Küchentisch gegenübersitzt. Meine Augen und Ohren scannen den Raum. Mit entspannter Hand zündet sie sich eine Zigarette an. Kalt wirkt der blaue Bereich der Flamme. Er erreicht im Moment des Anzündens 1201 Grad Celsius.
Ich frage sie, warum sie das Gespräch mit mir sucht. Sie steht auf, deshalb erkenne ich, dass sie zum T-Shirt kurze schwarze Leggings trägt. Sie antwortet leger, dass ich auf sie wirke, als ob ich mit ihr gerne in der Badewanne sitzen würde. Ich atme ein, streiche mir mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger dreimal über meine Nasenspitze. Die Entfernung zur Badewanne ist für mich im Stuhl sitzend nicht zu bestimmen, also stehe ich auf. Neunundzwanzig Schritte vom Stuhl bis zum Badewannenrand. Beim Zurückgehen streift meine Hand nach sechsundzwanzig Schritten unbeabsichtigt  das linke Knie der Journalistin. 0,67 Sekunden bevor ich das Knie berühre, merke ich, was passieren wird. Ich will sie nicht berühren, aber es ist mir nicht möglich, die Handbewegung zu stoppen. Ich haste zu meinem Stuhl, setze mich und blicke angespannt auf die Fensterrahmendichtung.

Ob die Berührung unangemessen gewesen sei, frage ich sie. Die Journalistin bejaht. Ich bitte um Verzeihung, verfalle aber in dieselbe floskelhafte Jammerei wie schamlos übergriffige Männer. Meine Wortwahl stößt mich ab, ich kann keine andere Sprache finden. Ich atme flach, meine Mundhöhle trocknet aus. Sie weint lange, ist von mir enttäuscht. “Es kommt nicht mehr vor. Im Unterschied zu den anderen meine ich es wirklich…” Sie blickt in meine Augen, zupft am rechten Bund ihrer Leggings herum.
Das Gespräch kann fortgesetzt werden. Sie fragt mich, wie viele Frauen hier leben, deren Vornamen mit M. beginnen. Dieses hier verschiebt mich nach Österreich. Das kann ich aber nur für die Slowakei beantworten. Ich erwache nicht.