Der Zug wird grundlos verspätet

Ankunft
Autobus Nummer 40 fährt am Bahnhofsvorplatz ein und hält 47 Zentimeter entfernt von der Gehsteigrandkante. Ein Mann mit schwarzem Vollbart drückt ein paar Mal aufgeregt auf den Türtaster, springt im Moment aus dem Bus heraus, in dem die Tür sich weit genug geöffnet hat. Er stolpert beinahe, weil er den Spalt nicht beachtet und hastet. Etwas seitlich und dahinter ein zweiter Mann mit kräftigerem Körperbau und Kopfhörern. Er fixiert den Spalt, setzt einen Schritt darüber, richtet seine Kopfhörer ein. Die Ausgestiegenen werden am Bahnhofseingang komprimiert und schieben ihre Körper dichter gedrängt in die Halle.

Hast
“Der internationale Regionalexpresszug…” Ich vermeide das Weiterhören dieser Durchsage und setze meine Kopfhörer auf. Ich haste durch die Halle. Dieser Mann mit dem schwarzen Bart, dem schmutzigen Hemd und den abgetragenen Schuhen. Er läuft beinahe vor mir, aber unkoordiniert. Aus dem Bus ist er gestolpert, jetzt hetzt er ziellos um die Stehenden und ihre Koffer herum. Es ist jetzt 7 Uhr 38, mein Zug wird vom Bahnhof in 12 Minuten ausgespien werden. Bahnsteig 4. Ich erreiche die Treppen zum Abstieg in den Durchgang zu den Bahnsteigen. Der Zug steht am Bahnsteig schon bereit. Das hat auch die Durchsage verlautbart, ich habe es aber nicht gehört. Im Moment, als ich die erste Stufe hinabsteige, setzt der Glockenschlag des Requiems von Alfred Schnittke in meinen Kopfhörern ein.

Vakuum
In der Halle sind alle nur herumgestanden, wie Petra Vlhova bin ich durch die Halle um die nutzlos herumstehenden Menschen getanzt. Die Treppe hinunter zum Durchgang. Bahnsteig 4, dort steht schon eine Zuggarnitur. Wird meiner sein. Der mit dem Kopfhörer, immer wieder sehe ich ihn. Er ist mir schon im Bus aufgefallen. Jetzt geht er ein bisschen hinter mir. Stop! Stop! Es ist zu eng, ich will sofort hoch zum Bahnsteig!
Wie Staubpartikel entlang eines Sonnenstrahls tanzen die Menschen um den bärtigen Mann herum. Die Wege kreuzen sich, aber nie zum selben Zeitpunkt. Das nervende Blinken eines Neonlichts erlaubt den Menschen nicht alle Eindrücke zu verlieren. Der Mann mit dem Kopfhörer dreht den Kopf halblinks zur Seite. Nun blickt ihn der Bartträger stechend mit zusammengekniffenen Augen an. Der Bärtige setzt einen Schritt zurück. Er keucht, boxt ziellos, verwirrt und wild in die Luft. Seiner linken Geraden fehlen dreiundsiebzig Zentimeter um die Wandfliesen zu erreichen. Niemand wagt es, ihn zu berühren oder zu beruhigen. Niemand beachtet, wie lange der Mann boxt und keucht.

Erleichterung
Sein Blick hat sich unten im Durchgang genauso wie sein Geruch von einer Sekunde auf die andere verändert. Er riecht nicht metallisch, sondern muffig und stechend.
Kyrie!
Auf den Aufgangstreppen hört man lautes dankbares Seufzen. Es übertönt das Keuchen im Durchgang.
Der Luftboxer erbarmt sich des Seufzens und steigt wahllos die erste Treppe hoch.
Es herrscht Erleichterung, dass der Zug auf Bahnsteig 4 den Bahnhof grundlos fünf Minuten verspätet verlassen wird.