I. Dystopie
Lucia zieht ihre Augenlider zusammen, streicht mit beiden kleinen Fingern am Gehäuse des Laptops entlang und zieht ihren Oberkörper dabei hoch und zurück in die Lehne.
“Bis in die 1920er Jahre hinein war es in den Vereinigten Staaten üblich, leicht zu frühstücken. Kaffee, einfaches Gebäck, vielleicht Obst.” Sie spannt ihren Handballen auf dem Einband links neben dem Computer, streicht mit den Fingern Seiten des zugeklappten Buches ab.
“Propaganda”
Die Studentin, Lucia, zündet sich eine Zigarette an, sie sitzt in einem durch eine Glaswand abgetrennten Raum.
Gerne schreibt sie Arbeiten in diesem Kaffeehaus.
“Organisation, Orchestrierung, Influencing” – sie hält für sie selbst beiläufig Interessantes handgeschrieben auf einem Notizblock fest. Immer wenn sie den Bleistift in die Hand nimmt, setzt sie zuvor die Brille ab, deren Funktion sich ohnehin auf jene eines Accessoires beschränkt. Die Tastatur klappert unter ihren Fingernägeln. Die Kellnerin ist hinter der Theke mit Vorbereitungsarbeiten beschäftigt, sie erwartet bald weitere Gäste.
Zwei Meter neunundachtzig entfernt von ihr nimmt ein älteres Paar an einem kleinen Tisch Platz. Die Frau ist adrett gekleidet, der ältere Mann sportlich leger. Er schmiegt immer wieder seinen Kopf an ihre Schulter, während sie seine Handflächen sucht und streichelt. Die frontal vor ihr sitzenden, wenn auch durch eine Glaswand getrennt, lenken Lucias Aufmerksamkeit ab. Die Lippen der Alten bewegen sich, der Inhalt verharrt akustisch auf der anderen Seite des Glases. Der hagere Mann blickt ebenfalls immer wieder kurz angestrengt durch die Glaswand. Die Studentin rätselt, ob er ihre Filler-Lippen fixiert oder durch sie hindurch starrt.
Die Kellnerin eilt zur Toilette, dabei muss sie durch die Tür, die auch zum abgetrennten Raucherraum führt. Sie vergisst, diese Tür zu schließen.
“Ach, reg dich doch nicht auf“, seufzt sie, „Unsere Zeit ist vorbei, wir hatten unsere Revolutionen…”
Er macht eine abschweifende Handbewegung: “Selbst in der Normalisierung, niemals hätten sie das so machen lassen. Studien, Wissenschaftler… Manipulation mit Anspruch auf Qualität! Aber hier? Die Ministerin sagt der ganzen Republik ins Gesicht, dass man sich jedes Gesicht machen lassen kann. Und merkt nicht…”
Die Kellnerin zieht die Tür hinter sich zurück ins Schloss.
…
Ein Arzt unterschreibt eine inhaltsleere Aussage, Viertausendvierhundertneunundneunzig widersprechen nicht. Und die ganze Welt glaubt seit hundertundeinem Jahr, dass Speck zum Frühstück gesund und superamerikanisch sei. Verdammt, wenn ich das hochrechne! Schweine stehen im Spaltenboden und enden dafür dünn geschnitten unter einem Ei. Wie viele Liter Grundwasser werden für ein Kilo Speck kontaminiert? Die Wand stößt meine Rauchringe zurück zu mir an den Tisch, ich atme sie wieder ein.
Der da drüben, auf der anderen Seite der Glaswand: Erkennt er, dass ich denke? Er redet von Revolutionen, und davon, dass die Ministerin glaubt, jedes Gesicht sei der Republik verkaufbar… Aber ist sie nicht von Männern in die Position gehievt worden? In Magazinen, im Netz sehe ich… Die Besseren feiern Diversität und diskutieren dabei trotzdem Gesichter. Das Gesicht eines Investmentbankers ersetzt aber nicht das Wissen von hundert Mitarbeitern, bringt keine Kooperationen oder Leihgaben zurück. Warum käut er nur wieder, welche Gesichter sie machen lassen kann? Warum nicht, dass ich mit Filler-Lippen um ein Drittel weniger Aufwand beim Studium benötige? Ich brauche niemanden mit meinen Lippen anzulügen. Filler ist neutral, es hilft dem Hirn nicht auf die Sprünge. Es macht mich auch nicht dumm.
Schade, dass er nur halb fertig denkt. Er kann Recht haben und löst damit kein hundertundeinjähriges Problem. Kann er etwa die Ministerin nach Kittsee zurück nach Hause schicken?
Die Kellnerin lässt die Tür offen, als sie Gewürze zu den Tischen bringt. “Schade, ich würde gerne sehen, wie die Kampagne der Ministerin scheitern wird”, er resigniert.
Die Blicke von Lucia und der Kellnerin treffen sich.
“Was habt ihr zu essen? Die Schweine sind geschlachtet.”
Lucia bestellt Speck mit Ei.
II. Pomaly!
Von meiner Zugfahrt ohne Retourticket nach Bratislava im Jänner 2014 erinnere ich Wetter, Licht und meine Stimmung. Ich war neugierig, naiv bis zum Anschlag. Ohne eine gehörige Portion Größenwahn hätte ich am Bahnhof nicht einmal den Bahnsteig betreten. Und schon nach wenigen Monaten fühlte ich mich als Experte für alles in der Slowakei, strotzte vor Ideen, die nur mehr umgesetzt werden wollten. Tatsächlich liegen zwischen der Vorstellung und der relevanten Handlung 11 Jahre und 11 Monate – die Webseite imzwischen.at habe ich im Dezember 2025 online gestellt.
Warum (be)schreibe ich diesen Ort mit meiner Sprache? Meine Sprache, das ist doch jene Sprache, in der Wien noch immer von “Kronländern” gesprochen wird. Als Altherrenwitz an konservativen Stammtischen erwartbar, habe ich es auch in fortschrittlicheren Kreisen öfter gehört, als mir lieb gewesen ist. Im Alltag und wenn Züge gecancelt werden, schimpfe ich mittlerweile ausschließlich auf Slowakisch. Wenn ich nicht einmal im Jahr die Bergspitzen der Tatra sehe, bin ich unglücklich. Am fünften Urlaubstag beginne ich von Bryndzové halušky zu träumen, und wenn ich in Österreich auf slowakische Politik angesprochen werde, spüre ich Fremdscham. Die Sprache, in der ich schreibe, das ist eine andere als vor 12 Jahren. Und trotzdem werde ich wohl immer auf Deutsch schreiben.
Der technische Fortschritt seit 2014 kann nur als atemberaubend benannt werden. Soziokulturell entwickeln sich unsere Gesellschaften atemraubend rückwärts: Kriege und Drohnenangriffe sind wenige Kilometer hinter der Staatsgrenze angekommen. Die praktische Abkehr von der universalen Gültigkeit des Menschenrechts ist keine Beschreibung, sondern festgestellte Tatsache. Dem steht eine slowakische Gesellschaft gegenüber, die von außen betrachtet in ihrer Entwicklung stillsteht. Während ich hier geheiratet, eine Tochter bekommen habe, Scheidung eingereicht habe, mich hier auf meine eigenen Beine gestellt habe… Pomaly!
Bleibt das slowakische Migrationsproblem evident (viele Menschen emigrieren), hat sich Robert Fico zu einem Stehaufmännchen entwickelt, das selbst Massenproteste nicht nachhaltig aus den Regierungsämtern spülen kann. Niemand weiß, wann für ihn der Zug abfahren wird. Dafür bleiben schattenwirtschaftliche Strukturen prächtig entwickelt.
Diese genauen Beobachtungen, bis hinein in die Mikrobewegungen, das ist es, was ich mit meiner Sprache (be)schreibe.
Ein Kellner beugt sich zu einer alten Frau im Restaurant auf Augenhöhe, eine Leiche wird an der Donau angespült. Kulturministerinnen kommen und gehen auch hoffentlich wieder. Der Zug ist abgefahren, aber die Weichen sind nicht gestellt. Fährt man mit dem Zug via Kittsee von Wien nach Bratislava, erkennt man die Silhouetten der Stadt, Most SNP, Veža ab Parndorf. Zu meiner Tochter sage ich dann gerne: “O chvíľku sme doma.” Wahrscheinlich sage ich diesen Satz mehr zu mir selbst als zu ihr.
Ich liebe die mitteleuropäische Schlampigkeit, die sich hier oft sympathischer und weniger arrogant verhält als in Wien. 147 Kilometer trennen den Ort (nicht Wien!), an dem ich aufgewachsen bin, von dem, an dem ich jetzt lebe. Außergewöhnlich ist nur meine Bewegung ostwärts. Viele Menschen, die heute in Bratislava leben, sind an entfernteren Orten aufgewachsen.
Im kulturellen Stillstand wird das Gesicht zum Argument, die Filler-Lippe zur Propaganda. Damit bricht sich Demagogie Bahn.
Das Erfassen, Vermessen und Fühlen von Bewegung soll einer perspektivlosen Dystopie entgegenwirken. Wenn diese Unordnung traurige Realität ist, kann daraus Utopie erwachsen? Ob in Bratislava, vielleicht auch in Wien und in den Zügen dazwischen: Das ist noch nicht (fest)geschrieben.
III. Utopie
Freitag Mittag. Der Kellner arbeitet genau, kennt seine Wege. Er serviert gehetzt, fragt schnell. “Kein Kofola, Pepsi aus der Flasche.” “Reis zu den Hühnerfilets mit Honig-Senf-Sauce. Rosmarinerdäpfel sind heute aus.” Zurück hinter die Bar, Getränkekleinflaschen öffnen, Bestellungen in der Küche abgeben. Kurzer Blick über die Köpfe der Gäste hinweg, dreimal durchatmen; kurzes Kratzen des Vollbartes, nächste Runde, schneller Schritt. Er kann den Betrieb alleine abwickeln, der Gastgarten ist geschlossen. Die Temperatur ist auch mittags nur drei Grad Celsius unter Null. Seit Wochen schon bemüht sich das Wetter in diesem Winter der Jahreszeit tatsächlich zu entsprechen.
Auf einem kleinen Tisch in der Mitte des Lokals sitzt eine alte Frau. Sie bezahlt beim Kellner mit Bargeld, das sie zittrig aus der Tasche zieht. Der Kellner schiebt es in die Brieftasche.
Er legt die Börse auf den Stuhl und schiebt ihn etwas zur Seite. Die Stirnfalten in seinem Gesicht lockern sich, er geht in die Hocke. Beide Oberschenkel winkeln sich 120 Grad von seinen Schienbeinen ab. Seine Augenpartie ist exakt auf der gleichen Höhe wie jene der alten Frau. Sein Gesicht bleibt 77 Zentimeter vom Gesicht der Frau entfernt, sein rechter Ellbogenkegel ist sanft am Tisch abgelegt. Die alte Frau erzählt von Wegen, die sie noch zu erledigen hat. Und von der Nachbarin, die verbrauchte Glaswände im Stiegenhaus lagert. Das Essen hat ihr geschmeckt. Bedächtig steht die Frau auf, er hilft ihr, in eine dicke Winterjacke zu schlüpfen. Langsam müht sie sich zum Ausgang, verabschiedet sich mit ihrer brüchigen Stimme. Freundlich hält der Kellner die Tür auf. Oft ist Lucia diesen Weg schon gegangen.
Die Tür klackt zurück im Schloss, der Kältezug der kurzen Öffnung hat sich wieder verzogen.
Mittags, Freitag.