In der Bahnhofshalle blicken Individuen innerhalb einer eigenartig angeordneten Menschentraube auf die große Anzeigetafel. Viele Züge scheinen pünktlich anzukommen und abzufahren, die Schienenersatzverkehrsanzeigen verursachen nur bei einer kleineren Anzahl von Nahverkehrspendlern Unmut. Unübersichtlich braust ein Menschenstrom von der großen Halle zu den Bahnsteigen.
Plum, plum, plum…
Plum, plum, plum… Wiederholung singulärer Klavieranschläge, dann setzt sanft die Geige ein. Die Stimmen verschwinden, zärtlich verziert Arvo Pärt mit Spiegel im Spiegel das Gehirn. Am frühen Abend streiten sich hier geröstete Zwiebel mit angebranntem Gebäck um die Geruchshoheit. Bäckereien reihen sich neben Imbissbuden, von unwiderstehlichen Verführungen kann keine Rede sein. Dort ein Mann mit Bart! Er lehnt nur an der Mauer, aber wenn er eine Waffe zückt, werden sich Leute schnell genug hinter Mistkübeln verstecken können? Blbosť! Die Nachrichtenskizzen in Zeitungen haben mit Bahnhofsrealitäten nichts zu tun.
Schreie, im Augenwinkel kippen auf einer Rolltreppe zwei Frauen über die Rolltreppe rückwärts mitsamt Gepäck herunter, vier Beine ragen hilflos verknotet in die Luft. Er hastet die Treppe hoch, versucht einen Koffer zu stoppen, stolpert weiter, gelangt bei den Gestürzten an. Not-Aus-Taste.
Zu schnell ist er die Treppe hochgelaufen, er kann sie nicht drücken, zieht die Kopfhörer von den Ohren. Eine jüngere Frau drückt die Taste und fängt eine große Tasche auf.
Er fragt die Frauen, ob sie Hilfe brauchen. Sie blicken ihn erschrocken an, verneinen, richten sich am Kunststoffband hoch.
Niemand existiert.
Drei Frauen und der Mann stehen wenige Augenblicke still, dann tragen sie gemeinsam die Reisetaschen und Koffer der Unverletzten die Treppe hoch. Von anderen Menschen unbemerkt kommen sie auf der Plattform an.
Bahnsteig Nummer 11 und 12, die letzten vor den Verschubgleisen. Hier fahren die Züge nach Bucuresti, Kyiv via Užhorod. Und ganz hinten auf Abschnitt C bis E der Zug nach Bratislava, Hlavná stanica. Wenn es einmal Bahnsteige 13 und 14 gibt, kann der Zug nach Bratislava eingespart werden, weil der Weg nach Bratislava dann schon zu Fuß erreichbar ist.
Er lässt sich von einer anderen Rolltreppe durch den Schlund zurück in den Bahnhof transportieren. Die Welt im Bahnhof bewegt sich weiter, die Kopfhörer sitzen wieder.
Techniker sperren die gestoppte Rolltreppe. Er steigt noch einmal hoch. Der unterste Ton der Geigenstimme, eine kleine Terz versetzt mit einem Ton aus dem F-Dur-Dreiklang, untersetzt den Melodieton.
Eine Oktave höher –
tritt er auf den Bahnsteig, ihm strahlt warmes Sonnenlicht in den Rücken. Der starke Gegenwind überrascht ihn.
Plum plum plum
Plum plum plum… Zrumm.
Die Pünktlichkeit der Züge auf den Bahnsteigen 11 und 12 hat keine Priorität.