Niemand kann die eigene ausgestreckte Hand vor dem Gesicht erkennen. Vor drei Wochen etwa sind diese dichten Nebelschwaden von der Donau heraufgezogen. Und es scheint nicht so, als ob die Sonne dieses Jahr noch durchbrechen wird können.

Nach einer Woche schon haben nur noch die Mutigsten ihre Wohnungen verlassen. Die Depressiven oder Ängstlichen sind gleich zu Beginn zu Hause geblieben. Was diese Mutigen dabei zu beachten haben, wird sich noch zeigen. Die weiße Wand ist omnipräsent und in die Gehirne der Menschen eingedrungen. Manche öffnen die Fenster und wollen dem Nebel Gedichte vom Sonnenschein vorlesen. Kein Lachen ist mehr zu hören.

WEITERLESEN →

Ich will mich an diese Prüfung erinnern

Ich erdrücke im Supermarkt viele Weichstellen der Bananen, sie sehen nur mehr farblich in Ordnung aus. Hinter mir steht eine Frau, sie stresst mich. Ich nehme fünf Stück.

Der Lehrer ist ein alter Priester. Er trinkt ständig kohlensäurehältige Orangenlimonade und trägt die Tageszeitung “Die Presse” mit sich herum. Liest er sie? Ich weiß es nicht.

Während des Einkaufs begegne ich ihr immer wieder. Sie nimmt Blickkontakt auf, hatte es nur hinter mir bei den Bananen eilig. Mir bleibt nur, sie jedes Mal fragend anzusehen.

WEITERLESEN →

Dieser Beitrag war als eigenständiges Werk im Rahmen der Ausstellung #pirol16 – schubst mich! vom 27.9.2025 bis 4.10.2025 im Amerlinghaus in Wien ausgestellt und hörbar. Bei der Vernissage am 27.9.2025 wurde der Text live performt.

Schubst mich! – Volltext

WEITERLESEN →

1.
Was soll ich denn am frühen Nachmittag noch anfangen? Die Wäsche wird nicht rechtzeitig trocknen, bevor er nach Hause kommt. Und der Bub isst im Hort. Im Geschäft brauchen sie mich diese Woche nicht. Aber der Zeitausgleich langweilt mich so wie das Fernsehprogramm. Das war früher besser. “Früher war alles besser.”, sage ich laut… Ich höre mich 14 Sekunden später. Ich balle gleichzeitig beide Fäuste fünfmal zusammen. Kein Schlaganfall, zum Glück!

2.
“Sie vergiften das Blut unserer Kultur“, schreibt einer. Der Algorithmus spielt es mir ein. “Dem ist nichts hinzuzufügen.“ Aber ich bin überhaupt nicht dieser Meinung, ich sage so etwas nicht. Mit dem Telefon in der Hand stehe ich vor dem Spiegel. 14 Sekunden später spreche ich es laut aus. Ich fühle mich willenlos. Der Algorithmus gibt den Takt. Was ich nicht sagen will: materialisiert in Sprache. Und multipliziert. 14 Sekunden vergangen oder Zukunft? Ich weiß es nicht.

WEITERLESEN →

Urbanek, ein präziser Hobbysportler, läuft gerne eine 8,4 Kilometer lange Runde entlang der Donau. Der hagere Mittdreißiger startet vor der Universität, läuft über die Alte Brücke und durch den Sad Janka Krala. Über den Auspic, den Radweg entlang, übersetzt er den Strom nochmals auf der Brücke Lafranconi. Die 3,3 Kilometer entlang der Promenade zurück zur Universität genießt Urbanek. Er zählt seine Atmung, gleicht sie präzise mit seinen Schritten ab. Seine Laufuhr benutzt er zumeist, um sich sein gefühltes Lauftempo bestätigen zu lassen. 764 Meter nach der Brücke Lafranconi fallen Urbanek am 23. August 2025 in 312 Meter Entfernung fünf Polizisten auf, die an der Mauer zur Böschung stehen.

WEITERLESEN →