Aus nicht näher bekannten Gründen ist Frau Kvetová heute zerstreut. Ihr leerer Kühlschrank zwingt sie dennoch, einkaufen zu gehen. Bereits beim Aussortieren von faulen Mandarinen lässt sie ihr Mobiltelefon liegen. Spricht ein Produkt sie an, fällt ihr sogleich ein, dass dasselbe Produkt in Hainburg günstiger verkauft wird. Ihr Einkaufswagen füllt sich deshalb kaum.
Bei den Weichspülern räumt ein Verkäufer neue Flaschen ins Regal. Die Etiketten bewerben veränderte Geruchskompositionen. Frau Kvetová schraubt die Flaschen auf und riecht. Moschus! Ihre Söhne tanzen wieder auf dem Gehsteig in Caorle. Sie sieht den Strand.
Sie dreht sich gedankenverloren um und hält einem Mann, der zufällig hinter ihr steht, die geöffnete Flasche unter die Nase. Dabei richtet sich ihr verwirrter Blick auf den Verkäufer.
Eine Generalamnesie
1.
Klick und weg. So habe ich mir den “Großen Reset” gar nicht vorgestellt. Und noch weniger so, wie die Verschwörungstheoretiker ihn uns immer weiszumachen versuchten. Wie Politik, Verwaltung und Gesellschaft funktionieren, ich weiß es ganz gut. Mein Name ist Barbora Hrusova, ich arbeite als Datenpflegerin in einem Ministerium. Der Reset war gewollt, geplant und mit neuen technischen, medizinischen und biologischen Erkenntnissen umsetzbar. Was hatten wir doch Arbeit damit, die Datenbanken dafür zu erstellen! Ich war zuerst skeptisch, aber überall auf der Welt haben sich große Mehrheiten dafür ausgesprochen. Kein Staat, der dagegen war. Die Mächtigen und Reichen werden sich sicher gewehrt haben. Aber: One individual, one vote. Nur “Ja” oder “Nein”. So einfach wie Erdäpfelsuppe, die schmeckt mit Kümmel und Majoran auch. Kein Begleittext, keine Zersplitterung, kein Firlefanz. Mehr als 70 Prozent für den Reset, diese Zahl als Faktum wurde als Wissen erhalten. So toll werden diese Zeiten nicht gewesen sein. Eine politische Generalamnesie für die Menschheit über eine Zeitspanne von 30 Jahren. Auch meine Welt war 1996 in Ordnung. Dann soll es eben so sein und wir fangen dort wieder an.
WEITERLESEN →Niemand kann die eigene ausgestreckte Hand vor dem Gesicht erkennen. Vor drei Wochen etwa sind diese dichten Nebelschwaden von der Donau heraufgezogen. Und es scheint nicht so, als ob die Sonne dieses Jahr noch durchbrechen wird können.
Nach einer Woche schon haben nur noch die Mutigsten ihre Wohnungen verlassen. Die Depressiven oder Ängstlichen sind gleich zu Beginn zu Hause geblieben. Was diese Mutigen dabei zu beachten haben, wird sich noch zeigen. Die weiße Wand ist omnipräsent und in die Gehirne der Menschen eingedrungen. Manche öffnen die Fenster und wollen dem Nebel Gedichte vom Sonnenschein vorlesen. Kein Lachen ist mehr zu hören.
WEITERLESEN →Ich will mich an diese Prüfung erinnern
Ich erdrücke im Supermarkt viele Weichstellen der Bananen, sie sehen nur mehr farblich in Ordnung aus. Hinter mir steht eine Frau, sie stresst mich. Ich nehme fünf Stück.
Der Lehrer ist ein alter Priester. Er trinkt ständig kohlensäurehältige Orangenlimonade und trägt die Tageszeitung “Die Presse” mit sich herum. Liest er sie? Ich weiß es nicht.
Während des Einkaufs begegne ich ihr immer wieder. Sie nimmt Blickkontakt auf, hatte es nur hinter mir bei den Bananen eilig. Mir bleibt nur, sie jedes Mal fragend anzusehen.
Dieser Beitrag war als eigenständiges Werk im Rahmen der Ausstellung #pirol16 – schubst mich! vom 27.9.2025 bis 4.10.2025 im Amerlinghaus in Wien ausgestellt und hörbar. Bei der Vernissage am 27.9.2025 wurde der Text live performt.
Schubst mich! – Volltext
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