Vierundneunzig Prozent
Vor längerer Zeit hat Barbora Hrušová herausgefunden, welche Geschmacksträger in welcher Form sie so stark an die Gemüsesuppe ihrer Großmutter erinnert. Zwölf Millimeter große Kohlrabiwürfel, eingepackt in drei Millimeter dicke Karottenscheiben und ungleichmäßig gerupfte Karfiolröschen. Auch weichgekochter Knollensellerie, ebenfalls 12-Millimeter-würfelig geschnitten, schadet der Geschmackserinnerung nicht, er war seltener beigemengt. Seit dem Tod der Großmutter rekonstruiert Barbora die Suppe. Vergeblich und jahrzehntelang.
Mittagsmenügeschäft, Freitag. Der Kellner arbeitet genau, kennt seine Wege. Er serviert gehetzt, fragt schnell. “Kein Kofola, Pepsi aus der Flasche.” “Nur Reis zu den Hühnerfilets mit Honig-Senf-Sauce. Rosmarinerdäpfel sind heute aus.” Zurück hinter die Bar, Getränkekleinflaschen öffnen, Bestellungen in der Küche abgeben. Kurzer Blick über die Köpfe der Gäste hinweg, dreimal durchatmen; kurzes Kratzen des Vollbartes, nächste Runde, schneller Schritt. Er kann den Betrieb alleine abwickeln, der Gastgarten ist geschlossen. Die Temperatur ist auch zu Mittag nur drei Grad Celsius unter Null. Seit Wochen schon bemüht sich das Wetter in diesem Winter der Jahreszeit tatsächlich zu entsprechen. Auf einem kleinen Tisch in der Mitte des Lokals sitzt eine alte Frau. Sie bezahlt beim Kellner mit Bargeld, das sie langsam aus der Tasche zieht. Der Kellner steckt es sortierend in die Brieftasche.
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Komische Stimmung hier. Die laufen hier in Leintüchern herum und ziehen sich nur nackt aus, wenn es keine Alternative gibt. Und in der Sauna selbst sitzen sie eingehüllt in diesen Stoffen, fast wie Saudische Touristinnen in Florenz an heißen Sommertagen. Wie elendig sich das doch anfühlen muss und was sich da alles an Bakterien auf diesen dann durchgeschwitzten Tüchern findet. Hier riecht es nicht nach Eukalyptus sondern nach Schweiß! Nicht mit mir! Ich setze mich wie üblich oben in die linke Ecke der Sauna und schwitze nackt vor mich hin. Sollen sie mich nur blöd anschauen.
Ich kann es mir erlauben, mich aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich es putze. Ich wohne im Erdgeschoß, ich falle nicht tief. Ein Bein auf dem Sessel, das zweite abgewinkelt auf dem Fensterbrett. Ich wische die Außenseite des Glases.
Immer ist mein Fenster sauber geworden, wenn ich es geputzt habe. Immer. Je mehr ich das Putzmittel auf das Glas verteile, desto schmutziger wird es. Kristallklares Wasser im Kübel, dazu ein nach Chemiefrühling riechender Glasreiniger. Ich höre die Menschen in Minneapolis verzweifelt in meinem Wohnzimmer schreien. Ich schrubbe atemlos, das Fenster wird schmutzig.
Renee Nicole Good wurde ermordet. Aus der Küche dringt der Geruch der Lüge, domestic terrorism. Im Wohnzimmer! Get the fuck out of Minneapolis. Wenn ich die Lüge benenne, verkehrt mich die Niedertracht zum Objekt. Was ich dokumentiere, wird gegen dich verwendet.
Ich kann die Lüge nicht in der Küche isolieren. Die Kälte kann nicht vom verschmierten Fenster abgewehrt werden. In meinem Wohnzimmer verzweifeln die Stimmen in Minneapolis. Es bleibt kalt.
Pripravít sa, pozor, štart!
Urbanek läuft durch Bratislava. Der Ingenieur protokolliert und vermisst, was er wahrnimmt. Funktion, Versagen – all inclusive.
Kilometer für Kilometer. Einsteigen bei Kilometer 1, mitlaufen, mitlesen bis Kilometer 5.
Martin Just schreibt Urbanek bis Herbst 2026 fertig. Lauf, Urbanek, lauf!