Wie lange heute?

Die Tür des Friseursalons war von innen versperrt. Die Ladenbesitzerin erkannte Pavel, sperrte auf und fragte, ob er derjenige sei, der um sechzehn Uhr einen Termin habe. Pavel verneinte. “Wie immer?”
Pavel nickte.
“Dann kommen Sie, so viel Zeit habe ich schon noch.”
Die Friseurin wies ihm um fünfzehn Uhr siebenundvierzig den Weg zum Stuhl.
An diesem Tag bemerkte Pavel, dass die Friseurin nicht besonders freundlich war. Das störte ihn nicht, er wusste, dass sie ihre Arbeit genau und detailverliebt verrichtet.
Sie ließ die Tür unversperrt und legte sich Scheren, Rasierer, die Pumpwasserflasche zurecht, zog Pavel den Friseurumhang über.
“Wie lange heute?”

Pavel schwenkte den Kopf etwas abknickend nach links zur Seite und meinte, dass zwei, vielleicht drei Zentimeter reichen würden. Zwischen der Friseurin und Pavel waren zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Absprachen notwendig.

Sie begann, die Haare mit dem Rasiergerät am Hinterkopf zu scheren. Nur das Haupthaar war von den zwei Zentimetern betroffen. Als sie das linke Ohr freirasierte, wurde die Tür von außen geöffnet und der Sechzehn-Uhr-Termin traf acht Minuten vor der vereinbarten Zeit im Friseurgeschäft ein.
“Nehmen Sie gleich hier Platz!”
Mit derselben Bestimmtheit, um nicht zu sagen Unfreundlichkeit, zeigte sie auf den Friseurstuhl gleich neben Pavel. Der Mann sank in den Stuhl und machte keine Anstalten, sein Mobiltelefon aus der Tasche zu holen und darauf zu starren. Pavel begann immer wieder auf seinem Stuhl hin und her zu rücken.  Immer wieder versuchte er, aus dem Augenwinkel zu erkennen, ob ihn dieser Mann beobachtete. Er wagte es nicht, seinen Kopf um neunzig Grad zur Seite zu drehen. Auch indirekten Augenkontakt über die Spiegel versuchte er zu vermeiden. Warum, so dachte Pavel, starrt dieser Mann nicht, wie sonst auch alle in Wartesituationen, auf sein verdammtes Telefon? Im Spiegel erkannte er, dass die Uhr über dem Kassenpult mittlerweile fünfzehn Uhr neunundfünfzig anzeigte.

Pavel vermaß die Pupillen. Wenn der Fremde ihn durch den Spiegel beobachtete, waren sie kleiner, als wenn er ihn direkt von der Seite im Profil betrachtete. Am engsten waren sie, als er auf die beleuchtete Arbeitsablage der schmallippigen Friseurin starrte. Mittlerweile schnitt sie routiniert Pavels Haar am Scheitel mit der Schere. Keine Bewegung zu ungenau oder zu wenig. Und dennoch keine Schnittbewegung und kein Wort zu viel. Das auf ihn gerichtete menschliche Augenpaar machte Pavel nervöser als jede illegal eingerichtete Überwachungskamera. Nichts blieb ihm, als der unfreundlichen und hastig arbeitenden Friseurin dankbar zu sein. Aufzuspringen und zu gehen war zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Asymmetrie des unfertigen Haarschnitts keine ästhetisch tragbare Option. Er begann zu erdulden.

“Hotovo!”
Die Friseurin nahm Pavel den Friseurumhang vom Leib, er stand sofort auf, zückte seine Brieftasche und stellte sich auf die für Kunden vorgesehene Seite des Kassenpultes.
“Vierzehn Euro!” – Pavel bezahlte und gab einen Euro Trinkgeld, ohne zu wissen, wofür der Aufschlag gut sein sollte.
“Dovidenia!”
Der Mann auf dem Wartesessel hatte sich ebenfalls erhoben und verabschiedete sich gemeinsam mit Pavel. Die Friseurin starrte den vormals Wartenden pfeilgerade an. Ihrer Mimik war dennoch keine Emotion zu entnehmen. Sein nervöser Blick war noch immer auf den eingeklemmten Kassenbon auf der Arbeitsablage fixiert.
Pavel stapfte nach rechts die Straße schnurstracks hinunter. Der andere Mann bog sofort nach links, er würdigte Pavel keines Blickes.

Die Friseurin versperrt die Eingangstür zu ihrem Geschäft.
Sie blickt im Laden herum, zieht den Kassenbon unter der Beleuchtung hervor, zerknüllt ihn und steckt ihn in ihre Hosentasche. Sie entnimmt der Kassenlade einen Euro und wirft ihn in das Gurkenglas, in dem sie Trinkgeld sammelt. Die Arbeitsablagenbeleuchtung schaltet die Friseurin um sechzehn Uhr neun aus.
“Keine zwei Stunden mehr.”