Triumph des Unwillens

1.
Was soll ich denn am frühen Nachmittag noch anfangen? Die Wäsche wird nicht rechtzeitig trocknen, bevor er nach Hause kommt. Und der Bub isst im Hort. Im Geschäft brauchen sie mich diese Woche nicht. Aber der Zeitausgleich langweilt mich so wie das Fernsehprogramm. Das war früher besser. “Früher war alles besser.”, sage ich laut… Ich höre mich 14 Sekunden später. Ich balle gleichzeitig beide Fäuste fünfmal zusammen. Kein Schlaganfall, zum Glück!

2.
“Sie vergiften das Blut unserer Kultur“, schreibt einer. Der Algorithmus spielt es mir ein. “Dem ist nichts hinzuzufügen.“ Aber ich bin überhaupt nicht dieser Meinung, ich sage so etwas nicht. Mit dem Telefon in der Hand stehe ich vor dem Spiegel. 14 Sekunden später spreche ich es laut aus. Ich fühle mich willenlos. Der Algorithmus gibt den Takt. Was ich nicht sagen will: materialisiert in Sprache. Und multipliziert. 14 Sekunden vergangen oder Zukunft? Ich weiß es nicht.

3.
Ich höre mich selbst, 14 Sekunden in der Zukunft. Laut. DEM IST NICHTS HINZUZUFÜGEN! Das will ich nicht hören, schon gar nicht sagen. Warum gleiten meine Finger über das Telefon? Sie tippen, der Algorithmus befiehlt, ich folge! WANN WIRD ENDLICH ORDENTLICH WAS UNTERNOMMEN? Ich will nicht schreien, dennoch werde ich in 14. Sekunden im Stakkato brüllen hören. Löschen, verdammt noch mal! Wo kann man das alles löschen! Hör auf! SIE GEHÖREN WEG, DEPORTIERT. ALLE.

Senden. Damit ist meine Zeit wieder in der Gegenwart.

4.
Ich stehe vor dem Spiegel und richte meine Haare. Der Bub isst schon, mein Mann kommt bald nach Hause. Der Mensch tippt, der Algorithmus lenkt. Sie geben mir recht, sie mögen mich. Das fühlt sich nicht richtig an. Aber schon gut. Wozu braucht es da Haltung? 14 Sekunden. Aber wann und wo genau? Der Triumph des Unwillens.