Urbanek, ein präziser Hobbysportler, läuft gerne eine 8,4 Kilometer lange Runde entlang der Donau. Der hagere Mittdreißiger startet vor der Universität, läuft über die Alte Brücke und durch den Sad Janka Krala. Über den Auspic, den Radweg entlang, übersetzt er den Strom nochmals auf der Brücke Lafranconi. Die 3,3 Kilometer entlang der Promenade zurück zur Universität genießt Urbanek. Er zählt seine Atmung, gleicht sie präzise mit seinen Schritten ab. Seine Laufuhr benutzt er zumeist, um sich sein gefühltes Lauftempo bestätigen zu lassen. 764 Meter nach der Brücke Lafranconi fallen Urbanek am 23. August 2025 in 312 Meter Entfernung fünf Polizisten auf, die an der Mauer zur Böschung stehen.
Erst 76 Meter, bevor er die fünf Polizisten erreicht, erkennt er, dass auch auf der Böschung Menschen in Bewegung sind. Die oben stehenden rufen denen am Hang irgendetwas zu, Urbanek kann es phonetisch nicht verstehen. Weil das der Moment ist, an dem Urbanek erkennen kann, dass etwas nicht stimmt, nennt er diesen Wegpunkt “Kilometer 1” und speichert ihn mittels einer Straßenlaterne akkurat.
Auf dem Böschungshang liegt neben dem Wasser eine männliche Leiche, der nackte Oberkörper schimmert von der Sonne angestrahlt in einem Blauton. Die morgendliche Stille beklemmt Urbanek. Die vom Körper weggestreckten Hände lassen auf eine bereits manifeste Leichenstarre schließen. 35 Minuten und 14 Sekunden nach Beginn des Laufes hält Urbanek für einen kurzen Moment den Blick, nur um sicher zu gehen, dass er richtig sieht. Der offene Mund der Leiche verstört. Ein hörbares “Aua!” entfährt Urbanek, dabei sieht er um 7 Uhr und 43 Minuten auf seine Uhr. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als den Lauf trotzdem fortzusetzen. Zeit und Tempo spielen für den Ingenieur heute keine Rolle mehr. Er ist verwirrt, riecht plötzlich Seife. Suizid? Von Österreich herübergeschwemmt? Oder betrunken ins Wasser gestürzt? Irgendjemand erhält einen grässlichen Anruf. Unbedeckt abgelegt.
Zu Hause protokolliert Urbanek.
23. August 2025: Sonne, heiß. Ich sehe einen toten Mann bei Kilometer 1 neben dem Wasser liegen. Er wäre objektiv auch tot gewesen, wenn ich später oder früher vorbeigelaufen wäre. Warum habe ich zu Hause nicht getrödelt oder bin langsamer gelaufen? Nach 35 Minuten und 14 Sekunden um 7 Uhr 43 laufe ich an ihm vorbei.
13. September 2025: wolkig, dennoch heiß. Ich denke an den Mann, habe Angst, an Kilometer 1 vorbei zu laufen. Ich habe 35 Minuten und 14 Sekunden gebraucht, um exakt an dieser Stelle zu sein. Kann ich nicht trödeln? Heute keine Leichen entlang der Donau.
4. November 2025: 236 Meter vor Kilometer 1 wird mir immer häufiger schwindelig, mein Puls wird schneller. Wieder 35 Minuten und 14 Sekunden. Ich kann nicht trödeln. Sehe ich wieder eine Leiche, wenn ich langsamer laufe? Das Wetter war zu warm für November.
17. Februar 2026: Kalt, sonnig, windig. Komme an Kilometer 1 bereits wieder ohne Schwindel nach 35 Minuten und 14 Sekunden vorbei.
22. Mai 2026: Nach 35 Minuten und 14 Sekunden vergesse ich den Frühling bei Kilometer 1. Sonst alles in Ordnung.
9. Juli 2026: 35 Minuten, 14 Sekunden. Ich, Urbanek, war wieder hier.
23. August 2026 Hier