mit dem auto entlang in einem dunklen schattigen tal, parallel dazu ein radweg, der seine funktion nur zwischen verwurzelten kuppen andeuten kann. eine pause. kein licht, kein chlorophyll, kein blatt, kein fahrrad aber ein hotel mit vierzig jahre alten balkonen, frisch asphaltiertem parkplatz und unübersehbarer wandmalerei
erleben – spüren.
ich kann keine fahrradfahrerin erkennen obwohl eine wurzel sechsundvierzig zentimeter lang und dreizehn zentimeter hoch aus dem weg wächst. niemand stürzt und zertrümmert sich mit der wucht von tausendachthundert newton das schlüsselbein. die lichter hinter den balkonen werden nicht eingeschaltet. der asphalt bleibt trocken, kein handgelenk bricht.
erlebt – gespürt.
Mir fällt nicht ein, ob es so etwas schon einmal gegeben hat. Und allein wenn ich daran denke, wird mir kalt. Warum um alles in der Welt, will die Regierung jetzt Wäscheleinen verbieten? Nicht für alle, sagt er, der Regierungskommissär, der mich heute besucht hat. Ein echter Charmeur! Mir ist dabei warm ums Herz, aber die Sache mit den Wäscheleinen verwirrt mich. Wen interessiert, ob Wäsche in den Hintergärten und Höfen gerade oder schief hängt?
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Das künstliche Licht in der Passage senkt die gefühlte Temperatur gleich um weitere 3 Grad. Die Wetterapplikation auf meinem Telefon zeigt Minus 2 Grad für die Prager Altstadt an. Die Ware wird von niemandem angepriesen. Die Menschen gehen stumm zu den Kassen, ziehen ihre Karten schweigend über die Terminals. Der technische Piepton ersetzt das Dankeschön. 57 Meter geradeaus biegen alle nach Rechts ab und setzen Schritte auf die Karlsbrücke. Ob sie etwas gekauft haben oder nicht, spielt keine Rolle. Jahr und Tag verändert sich hier nichts, ausgenommen die Außentemperaturen und die daran angepasste Kleidung der Touristen und der Debitkartenterminalwächter.
Vierundneunzig Prozent
Vor längerer Zeit hat Barbora Hrušová herausgefunden, welche Geschmacksträger in welcher Form sie so stark an die Gemüsesuppe ihrer Großmutter erinnert. Zwölf Millimeter große Kohlrabiwürfel, eingepackt in drei Millimeter dicke Karottenscheiben und ungleichmäßig gerupfte Karfiolröschen. Auch weichgekochter Knollensellerie, ebenfalls 12-Millimeter-würfelig geschnitten, schadet der Geschmackserinnerung nicht, er war seltener beigemengt. Seit dem Tod der Großmutter rekonstruiert Barbora die Suppe. Vergeblich und jahrzehntelang.
Mittagsmenügeschäft, Freitag. Der Kellner arbeitet genau, kennt seine Wege. Er serviert gehetzt, fragt schnell. “Kein Kofola, Pepsi aus der Flasche.” “Nur Reis zu den Hühnerfilets mit Honig-Senf-Sauce. Rosmarinerdäpfel sind heute aus.” Zurück hinter die Bar, Getränkekleinflaschen öffnen, Bestellungen in der Küche abgeben. Kurzer Blick über die Köpfe der Gäste hinweg, dreimal durchatmen; kurzes Kratzen des Vollbartes, nächste Runde, schneller Schritt. Er kann den Betrieb alleine abwickeln, der Gastgarten ist geschlossen. Die Temperatur ist auch zu Mittag nur drei Grad Celsius unter Null. Seit Wochen schon bemüht sich das Wetter in diesem Winter der Jahreszeit tatsächlich zu entsprechen. Auf einem kleinen Tisch in der Mitte des Lokals sitzt eine alte Frau. Sie bezahlt beim Kellner mit Bargeld, das sie langsam aus der Tasche zieht. Der Kellner steckt es sortierend in die Brieftasche.
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