Niemand kann die eigene ausgestreckte Hand vor dem Gesicht erkennen. Vor drei Wochen etwa sind diese dichten Nebelschwaden von der Donau heraufgezogen. Und es scheint nicht so, als ob die Sonne dieses Jahr noch durchbrechen wird können.
Nach einer Woche schon haben nur noch die Mutigsten ihre Wohnungen verlassen. Die Depressiven oder Ängstlichen sind gleich zu Beginn zu Hause geblieben. Was diese Mutigen dabei zu beachten haben, wird sich noch zeigen. Die weiße Wand ist omnipräsent und in die Gehirne der Menschen eingedrungen. Manche öffnen die Fenster und wollen dem Nebel Gedichte vom Sonnenschein vorlesen. Kein Lachen ist mehr zu hören.
Wo der Nebel aufhört? Niemand in der Stadt weiß es. Es fährt niemand mehr Auto, in jede Ritze dringt der Nebel. Sitzend sieht man den Zündknopf nicht mehr. Und auch an Schienenverkehr ist nicht zu denken.
Weihnachten ist per Dekret von der Regierung abgesagt. Das ist aber reine Formsache. Niemand wird die Dekrete angeschlagen haben. Niemand will sie lesen.
Um wieder nach Hause zu finden, binden sich die neuzeitlichen Theseen lange Schnüre an Esstischbeinen in ihren Wohnungen fest. Sie verlassen die Wohnungen, und wenn sie zurück wollen, dann hanteln sie sich entlang ihrer Schnüre zurück in die warme Stube. An Knotenpunkten kommt es oftmals zu chaotischen Szenen. Streunende Tiere, die sich im Nebel verlaufen, bleiben in ihnen hängen und verenden. Diese Knoten werden deshalb „Minotaurus“ genannt.
Es ist nicht bekannt, ob sich der Nebel wieder verziehen wird. Aber weiße Weihnachten, die sind dieses Jahr garantiert. Wenn sich der Nebel lichtet, wird die Stadt voller Schnüre sein, die lose aus den Fenstern hängen. Niemand wird mehr an ihnen entlang nach Hause zurückkehren.