On the nature of daylight

1.
Die Ungewissheit, sie erschlägt mich. Sie verbietet mir, meinen kreisenden Gedanken Einhalt zu gebieten. Immer, wenn ich versuche, mir selbst gut zuzureden, stockt meine Stimme. Ich versuche, mich auf einen Stuhl am Balkon zu setzen, kann mich aber nur am Holzgeländer anlehnen. Ich kann kein Morgen in meiner Umgebung erkennen. Obwohl Morgen keine 20 Stunden entfernt ist, ist es sicher mehr als 20 Kilometer entfernt.

Nur 4,7  Meter von mir entfernt hat eine Kirschblüte am Baum begonnen, sich der heutigen Frühlingssonne entgegenzustrecken und zu öffnen. Sie ist zu weit entfernt. Auch wenn ich mich über die Brüstung entgegenbeuge, kann ich sie nicht riechen. Ich lehne mich nicht hinaus. Die Wahrscheinlichkeit, mein Gleichgewicht zu verlieren, ist zu hoch und ich kann es mir nicht erlauben zu fallen. Aus 2,5 Meter Höhe auf den Waschbeton aufschlagen dauert 10 Millisekunden und wirkt mit einer Kraft von 8500 Newton auf mein Knie ein. Meine Patella bietet 7 Quadratzentimeter Kontaktfläche und hält den zu erwartenden 13 Megapascal nicht stand.
Statt am Balkon kein Morgen mehr zu erkennen, muss ich kotzen. Die Wucht des Drucks entlädt sich durch Nase und Mund.
Ich stehe im Vorraum, Ground Bass dringt aus den Lautsprechern im Wohnzimmer zu mir. Cello und Bratsche beginnen zu streichen. Wie harmonisch doch die einfachen Akkorde in B-Moll meine aufgeätzte Speiseröhre beruhigen.

2.
Zwei Violinen, zwei Cello, eine Bratsche und Aprilregen. Die Apfelspalten habe ich funktionell gegessen, der süße Geschmack war mir gleichgültig. Kräftige Regentropfen spiegeln sich im Sonnenschein des Aprilwetterprismas und werfen helles Licht auf den zu groben Asphalt des Gehsteigs. Das klackernde Gestackse einer Frau mit High Heels 14 Meter hinter mir verstört mich nicht lange, es verstummt dumpf in den Wasserpfützen. Den mitleidigen Blick auf meine nicht wasserdichten Turnschuhe eines mir entgegenkommenden Mannes nehme ich gerade noch wahr.

Ich höre das platschen der Tropfen nicht, stattdessen setzen Violinen ein und erheben sich zu einer sanften Melodie. Drei Schritte danach löst sich die Melodie wieder auf, die Tropfen zerschellen am Boden und verteilen sich radial über den Asphalt. Mit 3 Millinewton üben sie einen Druck von 300 Pascal auf die Aufprallfläche auf. Das Kräfteverhältnis zur Patella ist drei Millionen zu eins. Regentropfen im April waschen den Winter letztgültig in die Kanalisation. Sie erschlagen mich nicht.

Dicke Tropfen füllen alle Ritzen der Straße, samtig quillt dickes Moos aus den Gehsteigkanten.
Sanft schwankender Akkord begrünt die Stadt wie Tintentropfen, die auf Löschpapier fallen.

Der Sonnenschein des Sommers ist noch 286 Kilometer entfernt. Mit jedem Regentropfen im April kommt er näher.