Ungekühlt

1.
Das künstliche Licht in der Passage senkt die gefühlte Temperatur gleich um weitere 3 Grad. Die Wetterapplikation auf meinem Telefon zeigt Minus 2 Grad für die Prager Altstadt an. Die Ware wird von niemandem angepriesen. Die Menschen gehen stumm zu den Kassen, ziehen ihre Karten schweigend über die Terminals. Der technische Piepton ersetzt das Dankeschön. 57 Meter geradeaus biegen alle nach Rechts ab und setzen Schritte auf die Karlsbrücke. Ob sie etwas gekauft haben oder nicht, spielt keine Rolle. Jahr und Tag verändert sich hier nichts, ausgenommen die Außentemperaturen und die daran angepasste Kleidung der Touristen und der Debitkartenterminalwächter.

2.
Auf der Suche nach einem Kaffeehaus betrete ich mit meinen beiden Begleiterinnen ein Lokal. Wir sprechen slowakisch, der Kellner weist uns den Weg, ohne weiter zu fragen zu einer Treppe, die in den Keller führt. Oben sitzen Touristen, essen und trinken. Unten herrscht Speisesaalatmosphäre, es wird tschechisch gesprochen. Zwei Kellnerinnen servieren den Menschen im vollen Raum Bier und Mittagsmenüs. Eine Dritte zapft das Bier hinter der Schank in Krüge und dirigiert die Tischzuteilung. Wir bestellen eine Tagessuppe, drei Kaffee. Einer soll nach dem Verzehren der Suppe serviert werden. Die Tagessuppe ist eine Erdäpfelsuppe mit Wurzelgemüse, Pilzen und Majoran.

Die Kellnerinnen bewegen sich gleich schnell. Eine lacht durchgehend und scherzt. Ihr Gürtel ist enger geschnallt, ihre Taille betonter. Die zweite Kellnerin arbeitet mechanisch die Bestellungen ab. Ihre Schultern sind breiter, vier Kilo Traurigkeit auf jeder Seite drücken sie nach unten.
Wir unterhalten uns, während sich der Speisesaal leert. Wir erkaufen uns den Sitzplatz mit zwei Gläsern Bier und ungekühltem Orangensaft.

3.
“Entschuldigung!”
Der Blick der mechanischen Kellnerin hebt sich um 29 Grad nach oben, blitzschnell setzt sie drei Schritte zu unserem Tisch.
“Ich habe den Saft ungekühlt bestellt.”

Die Kellnerin zieht die geöffnete Flasche ein, ein halber Deziliter ist bereits im Glas am Tisch eingefüllt. Dreizehn Schritte geht sie an die Bar zurück und bespricht die Situation mit ihren beiden Kolleginnen. Die Kollegin mit dem Lächeln serviert weiter Bier. Die beiden anderen räumen ungekühlten Orangensaft aus dem Lager unter der Treppe hervor.
Nach drei Minuten und siebenundvierzig Sekunden wird der ungekühlte Orangensaft mit unveränderter Attitüde in das Glas gefüllt.
Der Piepton des Debitkartenterminals beim Bezahlen wird mit einem Dankeschön quittiert.

Die Karlsbrücke wird ihr Erscheinungsbild nicht den Außentemperaturen anpassen.