Der Große Reset 2026

Eine Generalamnesie

1.

Klick und weg. So habe ich mir den “Großen Reset” gar nicht vorgestellt. Und noch weniger so, wie die Verschwörungstheoretiker ihn uns immer weiszumachen versuchten. Wie Politik, Verwaltung und Gesellschaft funktionieren, ich weiß es ganz gut. Mein Name ist Barbora Hrusova, ich arbeite als Datenpflegerin in einem Ministerium. Der Reset war gewollt, geplant und mit neuen technischen, medizinischen und biologischen Erkenntnissen umsetzbar. Was hatten wir doch Arbeit damit, die Datenbanken dafür zu erstellen! Ich war zuerst skeptisch, aber überall auf der Welt haben sich große Mehrheiten dafür ausgesprochen. Kein Staat, der dagegen war. Die Mächtigen und Reichen werden sich sicher gewehrt haben. Aber: One individual, one vote. Nur “Ja” oder “Nein”. So einfach wie Erdäpfelsuppe, die schmeckt mit Kümmel und Majoran auch. Kein Begleittext, keine Zersplitterung, kein Firlefanz. Mehr als 70 Prozent für den Reset, diese Zahl als Faktum wurde als Wissen erhalten. So toll werden diese Zeiten nicht gewesen sein. Eine politische Generalamnesie für die Menschheit über eine Zeitspanne von 30 Jahren. Auch meine Welt war 1996 in Ordnung. Dann soll es eben so sein und wir fangen dort wieder an.

2.

Kümmel und Majoran, wie vor dem Reset riecht die Suppe. Wir erinnern uns hier in Bratislava noch an die Isolation unter Meciar und die teure Verwaltungsreform 1996. Und: Bill Clinton wurde damals in den USA wiedergewählt. Dann ist Sendepause. Ich weiß nicht, wen ich gewählt habe oder ob ich demonstrieren gegangen bin. Vierzig Jahre bin ich alt, erkenne meine Kinder und meinen Mann. Die Routine meiner Arbeit liebe ich. Ich muss Datenbanken pflegen, damit wir nach der Latenzzeit in einem halben Jahr Parteien gründen und drei Monate später wählen können. Gestern vor dem Einschlafen habe ich mich frei und unbeschwert gefühlt. Heute Morgen war ich unsicher.

3.

In den Straßen gaukelt der Optimismus. Aber meine Freunde sind sich nicht mehr sicher, ob der “Große Reset” eine tolle Idee gewesen ist. Die Systeme werden nicht geändert, Schaden hat es nicht angerichtet. Da gibt es Gruppen, die alles in Frage stellen. Haben sich wirklich alle an die Latenzzeit gehalten? Fertige politische Programme lassen darauf schließen, dass in so manchem Keller bereits kräftig vorverhandelt worden war. Kaufen sich reiche Menschen Erdäpfelsuppe mit Kümmel und Majoran oder Meinungshoheit? Die Versuche, mir selbst eine unbestechliche Meinung zu bilden, scheitern. Die merkwürdigste Partei bilden vormalige Politiker. Sie behaupten, dass sie viel gearbeitet haben. Aber nicht, woran oder mit wem. Sie laufen aufgeregt in den Gassen auf und ab und reden unentwegt davon, wie unersetzlich ihre Erfahrung sei. Gestern habe ich nachgefragt. Aber welche Erfahrungen das genau sein sollen, das ist ihnen nicht mehr erinnerlich. Mir bleibt nichts anderes übrig, als sie zu wählen. Was sollen wir denn auch sonst mit ihnen anfangen?

Tausend mal kann ich die Erdäpfelsuppe neu erfinden. Aber mit Kümmel und Majoran wird sie in tausend Jahren noch gleich schmecken.