Supermarkt

Aus nicht näher bekannten Gründen ist Frau Kvetová heute zerstreut. Ihr leerer Kühlschrank zwingt sie dennoch, einkaufen zu gehen. Bereits beim Aussortieren von faulen Mandarinen lässt sie ihr Mobiltelefon liegen. Spricht ein Produkt sie an, fällt ihr sogleich ein, dass dasselbe Produkt in Hainburg günstiger verkauft wird. Ihr Einkaufswagen füllt sich deshalb kaum.
Bei den Weichspülern räumt ein Verkäufer neue Flaschen ins Regal. Die Etiketten bewerben veränderte Geruchskompositionen. Frau Kvetová schraubt die Flaschen auf und riecht. Moschus! Ihre Söhne tanzen wieder auf dem Gehsteig in Caorle. Sie sieht den Strand.
Sie dreht sich gedankenverloren um und hält einem Mann, der zufällig hinter ihr steht, die geöffnete Flasche unter die Nase. Dabei richtet sich ihr verwirrter Blick auf den Verkäufer.

“Pfui, du Sau, das stinkt!”
Kvetová weicht einen Schritt zurück, zeigt mit dem Finger auf ihn. Der Verkäufer hört auf, Weichspüler zu räumen und möchte deeskalieren. Er greift zugunsten des Mannes ein, weil bei ihm mehr Warenwert im Einkaufswagen liegt.
“Hier kaufe ich nicht mehr ein! Drecksladen!” Leute mischen sich ein. 

Ein Mann filmt die Szene, streckt das Handy dabei demonstrativ weit vom Gesicht weg. Er kommentiert verächtlich, dass Frauen zu dumm sind, um Weichspüler zu kaufen. Drei Frauen stellen sich demonstrativ neben Kvetová. Der geruchsempfindliche Mann schiebt seinen Wagen weiter. Er bezieht im gegenüberliegenden Gang Stellung, dreht seinen Wagen quer. Jetzt strömen alle zusammen, die gerade im Geschäft einkaufen. Sie schließen sich nach spontaner Sympathie der einen oder anderen Seite an. Aggressiver Schweißgeruch breitet sich aus, die Einkaufswagen werden wie Barrikaden genutzt.

“An die Front gehört ihr alle, Kanonenfutter! Frei zum Abknallen!“

Der filmende Mann stellt die Barrikadenwägen wieder gerade, um besser filmen zu können. Niemand weiß, wer das gerufen oder wer angefangen hat. 

Frau Kvetová lässt ihren Einkaufswagen mit den Mandarinen stehen und flüchtet. Sie kann wieder klar denken – das entmenschlichende Geschrei in den Gängen ekelt sie. Das abgelegte Telefon fällt ihr wieder ein. Kvetová verlässt das Geschäft direkt durch die Eingangsschranken, vermeidet den Weg zurück zu den Kassen an den Meuten vorbei. Der Bewegungsalarm an den Schranken piept, ein Securitymitarbeiter hinter dem Monitor hebt gelangweilt seinen Blick zu ihr. Sie geht.

Frau Kvetová deinstalliert Facebook.