Kantwurst

Ich will mich an diese Prüfung erinnern

Ich erdrücke im Supermarkt viele Weichstellen der Bananen, sie sehen nur mehr farblich in Ordnung aus. Hinter mir steht eine Frau, sie stresst mich. Ich nehme fünf Stück.

Der Lehrer ist ein alter Priester. Er trinkt ständig kohlensäurehältige Orangenlimonade und trägt die Tageszeitung “Die Presse” mit sich herum. Liest er sie? Ich weiß es nicht.

Während des Einkaufs begegne ich ihr immer wieder. Sie nimmt Blickkontakt auf, hatte es nur hinter mir bei den Bananen eilig. Mir bleibt nur, sie jedes Mal fragend anzusehen.

Die Prüfung findet vor der gesamten Klasse statt. Meine Antworten stottern an den gestellten Fragen vorbei. Am Dreißigjährigen Krieg zerbreche ich, vielleicht rettet mich der Absolutismus etwas. Beim Wort “Sonnenkönig” überschlägt sich seine Stimme vor Freude. Von dieser Prüfung habe ich zuhause nichts erzählt und mir fällt keine Strategie ein, dieses “Nicht Genügend” im Jahreszeugnis zu erklären. Während die letzte Frage an mich gestellt wird, beginne ich, Kantwurst zu riechen. Mir wird übel. Ich kenne die Antwort nicht. Aber ich bin mir sicher, dass das von mir gesagte falsch ist. Ich verabscheue Kantwurst.

Jetzt steht sie zu lange bei den Baguettes. Ich habe schon Semmeln in meinen Einkaufswagen gelegt. Ich fahre an ihr vorbei. “Es ist einerlei, alles Baguettes.” Sie dreht sich um. Ich erkenne, ihre Lippen sind aufgespritzt. Ihre Augen verraten: Sie versteht. Die verbrannten Unterseiten der Baguettes sind unübersehbar.

Nach meinem Gestammel lobt mich der Priester. “Warum nicht gleich so?” Entsetzt lächle ich und nehme mein Glück an. Er korrigiert meine Note von Nicht Genügend auf Befriedigend.

Wenn wir uns in den Regalgassen begegnen, blickt sie mich immer scharf an. Sie legt Kantwurst in ihren Wagen. Kantwurst und Botox vertragen sich nicht. Kantwurst verträgt sich mit gar nichts.

Nach mir tritt meine Schulkollegin N. zur Prüfung an. Sie antwortet richtig, obwohl sie etwas aufgeregt wirkt. Sie hat normalerweise keine Korrekturprüfungen, ich bin darin routinierter. Ich höre zu und kritzle dabei Slalomstrecken in mein Buch hinein, um dann die besten Linien durch die Tore zu finden. Prinz Eugen fädelt beim dritten Tor ein. Albrecht von Wallenstein erzielt Bestzeit, obwohl er im Zielhang beinahe stürzt. Es ist einerlei, ob der Schwedenkönig Gustav Adolf oder Ingemar heißt.

An den Selbstbedienungskassen steht sie am Gerät neben mir. Ich erkenne nicht, ob ihre Baguettes angekohlt sind. Kantwurst, Piep, verschwindet in der Tasche.

Der Pfaffe lässt N. durchfallen, es ist bekannt, dass er eine Abneigung gegen Frauen und Mädchen hat. N. unterdrückt Tränen. Sie frägt den Priester, wann der nächste Termin sei. Ihre Stimme klingt verständnislos. Er antwortet, dass der Termin im Herbst sein wird. N. setzt sich. Alle schweigen, ich schäme mich. Der Schweiß des Mannes hat nach Kantwurst gerochen. Immer.

N. kann sich nicht mehr an die Prüfung erinnern